Umberto Eco „Baudolino”

Nun ist es endlich soweit, die Zeit des Wartens hat ein Ende. Im September, genauer gesagt am 4.September diesen Jahres, fünf Jahre nach „Der Insel des vorigen Tages“, hielt ich den neuen, großen Eco-Roman „Baudolino“ in Händen; nun, ich hielt ihn als Rezensionsexemplar schon etwas früher in Händen, aber das sind Marginalien. Ein wenig möchte ich zunächst den Mann vorstellen, dem wir erneut ein wunderbares Stück Literatur verdanken: Der Pädagoge, Philosoph und Schriftsteller Umberto Eco, der 1954 an der Universität Turin promovierte, ist vor allem durch seine Romane weltbekannt. Aber auch seine wissenschaftlichen Werke, die teilweise auch auf Deutsch erschienen sind und, bei aller Komplexität seiner Themen, sehr gut zu lesen sind, verdienen das Prädikat lesenswert. Er war als freier Dozent für Ästhetik und visuelle Kommunikation an den Universität Turin, Mailand und Florenz tätig und unterrichtet seit 1971 Semiotik an der Universität von Bologna. Eco erhielt, neben anderen namhaften Auszeichnungen den Premio Strega (1981) und wurde 1988 zum Ehrendoktor der Pariser Sorbonne ernannt. Das will erwähnt sein, denn seine wissenschaftliche Arbeit ist ganz besonders intensiv auch in seinen Roman spürbar. Und dennoch ist Eco, 1932 in Alessandria geboren und heute in Mailand lebend, ein bescheidener, einfühlsamer und unprätentiöser Mensch geblieben, der viele Sympathien genießt… meine auch.

Ich möchte meinen italienischen Kritikerkollegen ja ungern in die Parade fahren, wenn sie Eco feiern und sein neues Buch als seinen Roman besten NACH dem „Namen der Rose“ bezeichnen… aber ich halte das Werk für besser. Kein Meister ist je vom Himmel gefallen, auch ein solch wunderbarer Erzähler wie Eco nicht. Folglich geht der Meisterlichkeit eine gewisse Zeit der Vervollkommnung voraus, eine Lehrzeit, meinetwegen auch Initialisierung… Setzt man voraus, dass ein Mann wie Eco vier gleich gute Ideen zu einem Buch hat, so wird die Ausführung der vierten Idee stilistisch besser sein als die Ausführung der ersten Idee: Die Weiterentwicklung des Stils. Deshalb meine ich, dass Baudolino besser ist als die Rose. Und nur die Betrachtung des Stils kann so etwas wie der „subjektive Maßstab“ sein, da die beiden, von der Kritik verglichenen Bücher, in zwei gänzlich verschiedenen Welten spielen, will sagen, dass beiden grundverschiedene Ideen zugrunde liegen.
Was sein neues monumentales Werk in gerader Linie mit den vorigen Werken verbindet und insofern die Kontinuität Ecos beschreibt, ist die Vielschichtigkeit: Baudomino ist mehr als nur ein einziger Roman. Es großer Kriminal-, Liebes- und Schelmenroman, die obendrein (wie immer bei Eco) noch ein wenig Zeitgeschichte, Philosophie, Gesellschaftskritik, Sittengeschichte enthalten und uns wiedereinmal sein Lieblingsthema (in dem er sich auch wirklich wie kein anderer auskennt) Mittelalter nahe bringt. Auf 560 Seiten entführt uns der Meister wieder in eine andere Zeit. Die Welt am Sonnatag schrieb. „Mit „Baudolino“ entführt uns Bestsellerautor Eco wieder in die reiche Mythen-Welt des Mittelalters: Eco „verknüpft historische Fakten des 12. Jahrhunderts, Fabelwesen, saftige Liebesromanzen, aktuelle Politik und Glaubensfragen zu einem sprühenden Feuerwerk“ Laut dem Spiegel, setzte nach dem Erscheinen des Buches in Italien ein wahrer Run auf die Buchhandlungen ein und der Roman ist in Italien binnen weniger Tage zum Top-Seller avanciert. Bereits jetzt (die erste Hälfte des Jahres ist ja gerade um) gelte es bereits als DAS literarische Ereignis des Jahres. Bei der Eco-Verrücktheit der ItalienerInnen (bei meiner italienischen Großmutter, ich kann das gut verstehen) und Angesichts fehlender Konkurrenz für Eco, kann ich auch nicht sehen, wer das Buch in Güte und Erfolg übertreffen sollte. Auch hierzulande „schoss“ das Werk innerhalb weniger Tage an die Spitze der Hitlisten.
Bei der Aufzählung all dessen was das Buch eigentlich und/oder auch ist, habe ich noch etwas vergessen: Nach italienischen Zeitungsberichten, soll es auch erstmals autobiographische Sequenzen haben. Wie dem auch sei, auf alle Fälle ist es ein fantastisches, berauschendes, bizarres und unglaublich amüsantes, unterhaltendes Werk, schon auf der Schwelle zum Epos auf eine schillernde Epoche, die in unseren Tagen mystifiziert, romantisiert und auf Ritterspiele reduziert wird, die in Wahrheit aber voller weltanschaulicher, philosophischer und politischer Umbrüche und Neuanfänge war; noch nicht ganz Neuzeit, aber schon so viel raffinierter als das Altertum.
Baudolino ist aus dem Piemont, der Heimat Umberto Ecos (und mir will – ohne mich großartig als Eco-Kenner ausgeben zu wollen – scheinen, dass sich damit die autobiographischen Sequenzen nicht erledigt haben). Über Monate hatten Umberto Eco und sein Mailänder Verlag Bompiani geschickt in der italienischen Öffentlichkeit die Köder ausgelegt… und auf das Buch hingewiesen, das vielleicht auch den Wünschen des Publikums geschuldet ist. Baudolino, die Titelfigur, ist der Schutzheilige und angebliche Gründer der piemontesischen Stadt Alessandria, deren Geschichte allein schon Stoff genug für mehrere Romane hergeben würde; Alessandria ist außerdem die Geburtsstadt von Umberto Eco. Die Historiker stellen allesamt sachlich fest, dass es den Heiligen Baudolino nie gegeben hat. Eco benutzt diese Figur jedoch sozusagen als Gefäß, in das hinein er all seine Vorstellungen, sein Wissen, seine historischen Wahrheiten, wie auch seine eigene Person füllen kann. Inwieweit er selbst sich mit seinem Baudolino identifiziert, belegt ein Dialog des Buches, währenddessen sich Baudolino mit dem Historiker Niceta Coniate auseinandersetzt: „Am Anfang jenes Jahres“, sagt darin Baudolino, „da lebte ich noch bei meinem Vater und meiner Mutter, wir hatten ein paar Kühe und einen Garten. Ein Eremit hatte mich lesen gelehrt. Ich lief durch den Wald und durch die Sümpfe, ich war ein phantasiebegabter Junge, sah Einhörner und mir erschien durch den Nebel San Baudolino.“ Coniate darauf: „Ich habe den Namen dieses Heiligen Mannes noch nie gehört. Ist er dir wirklich erschienen?“ Baudolino fährt fort: „Das ist ein Heiliger aus unserer Gegend, er war Bischof von Villa del Foro. Ob ich ihn wirklich gesehen habe, ist eine andere Frage, Signor Niceta: das Problem, das mich mein Leben lang begleitet, ist, dass ich immer das, was ich gesehen habe, mit dem verwechsle, was ich zu sehen ersehnt habe.“
Als ihn darauf hin der Historiker einen Lügner nannte, entschärfte er sofort die Situation in dem er hinzufügte: „Glaube nun aber nicht, dass ich das tadle. Wenn du ein Literat werden und vielleicht eines Tages historische Bücher schreiben willst, musst du auch lügen und Geschichten erfinden, sonst käme nur eine monotone Historie heraus. Aber du musst dabei Mäßigung walten lassen. Die Welt verdammt Lügner, die nichts anderes tun als über selbst die einfachsten Dinge Falsches zu verbreiten, und sie belohnt jene Dichter, die nur über die größten Dinge lügen.“
Umberto Eco entführt also seine Leserinnen und Leser wieder in die Weiten der Geschichte, weit zurück in jenes angeblich so finstere Mittelalter. Die Reise geht in die Zeit, in der die hochmittelalterlichen Städte entstanden, in der Kämpfe zwischen Kaiser und Päpsten tobten… zurück in die Zeit des Friedrich Barbarossa. Der Rahmen der Handlung ist eine Reise ins „Land des Presbyters Giovanni“, der, der Legende nach, im Mittelalter der Herrscher Äthiopiens gewesen sein soll. Es tauchte ein Brief auf in Europa, in dem über die sagenhaften Reichtümer und unglaubliche Machtfülle des Presbyters Johannes, „von ihm selbst“, berichtet wurde… was verschiedene Päpste zum Anlass nahmen, schon mal vorsorglich einen Antwortbrief zu schreiben, auf dass ihre Position gesichert sei. Wer Eco kennt, ahnt schon mit welcher Leidenschaft es ihm gelingen kann, historisch inhaltslosen Legenden Leben einzuhauchen… das Foucaultsche Pendel lässt schön grüßen, dem das Buch ähnlich ist, auch wenn Baudolino, der Zeit wegen in der das Buch spielt, immer wieder mit Ecos „Rose“ in Verbindung gebracht wird. Doch anders als seinem früheren Roman, ist da nicht der Schüler, der vom Meister alles lernt… Baudolino ist allein.
Wir begleiten ihn durch ein überwältigend eindringlich beschriebenes historisches Panorama, wenn er erzählt, wie er 1154 (als Dreizehnjähriger) Barbarossa begegnet, mit ihm zur Kaiserkrönung nach Rom und endlich auf den großen Kreuzzug geht. Baudolino berichtet von der Erstürmung Konstantinopels, der prachtvollen Hauptstadt des byzantinischen Reiches. Er schwärmt von fantastischen Fabelwesen und saftigen Liebesromanzen. Baudolino träumt von erlebten opulenten Gelagen und gefahrvollen Reisen in den Gegenden des damals so farbenprächtigen, reichen und märchenhaften Orient. Dabei klärt er so ganz nebenbei eines der großen Geheimnisse und richtungsbestimmenden Ereignisse der abendländischen Geschichte auf: Den wirklichen Grund für Barbarossas Kreuzzug ins sogenannte Heilige Land und die genauen Umstände seines bisher ungeklärten und für alle überraschenden Todes.
Umberto Eco sagt selbst über sein neues Buch: „Geschichte erweist sich immer als kollektive Lüge, zu der alle beitragen. Im neuen Buch entdeckt man, dass Baudolino praktisch den halben Bücherbestand des Abendlandes gefälscht hat, dass er der tatsächliche Urheber der Liebesbriefe zwischen Abélard und Héloise ist und auch der wirkliche Autor der Bibliothek des Rabelais. Und die Welt passt sich dem an. Mehr noch: Sie konspiriert und kollaboriert ihm bei der universellen Fiktion. Baudolino praktiziert nicht nur die romanhafte Fiktion, sondern greift auch in jene kollektive Illusion ein, die Geschichte produziert.“ Es steht also zu erwarten, dass als bald, wie beim Pendel auch, ein Lexikon herauskommen wird, in dem all die Seitenhiebe, Einsprengsel und Namen erklärt werden.
Wie es Ecos Art ist, sind seine Romane auch ein immenses intellektuelles Spiel… das Spiel-Tableau sind die alten Mythen und Utopien der abendländischen Kultur, die Spielfiguren sind wir und der Einsatz: Unser aller Vergnügen… seines als Autor und unseres als Leserinnen und Leser, vermischen sich zu einem Feuerwerk von Roman. Aber er wäre auch nicht der Umberto Eco den wir kennen, wenn er bei aller Fabulierlust mit der er das seltsame Zeitalter des Mittelalters erzählt, nicht auch gleichzeitig den einen oder anderen ironischen Blick auf unsere heutige, nicht weniger seltsame Gegenwart werfen würde. Der Spiegel schreibt und zitiert Eco sinngemäß: „Wie in seinem Welterfolg „Der Name der Rose“ fantasiert sich Eco wieder einmal quer durchs Mittelalter. Doch während jenes ein klösterliches Mittelalter in Mönchskutte gezeigt habe, so der Autor, präsentiere er nun ein pikareskes in Unterhosen.“

Wilfried John

Baudolino
Umberto Eco
600 Seiten – gebundenes Buch
Verlag Hanser von 2001
ISBN 3-446-20048-7
25,46 €