V. S. Naipaul „An der Biegung des großen Flusses“

Der Literatur-Nobelpreis 2001 ist verliehen… Am 11. Oktober sprach die Schwedische Akademie in Stockholm dem von der karibischen Insel Trinidad stammenden und heute in Großbritannien lebenden Schriftsteller V.S. Naipaul den Preis zu. Zur Begründung hieß es, Naipaul werde geehrt „für seine Werke, die hellhöriges Erzählen und unbestechliches Beobachten vereinen und uns zwingen, die Gegenwart verdrängter Geschichte zu sehen“. Naipaul sei ein „literarischer Weltenumsegler“ und „eigentlich nur bei sich selbst zu Hause, in seinem unnachahmlichen Ton“. Der 69 Jahre alte Autor von mehr als 20 Werken gilt als bedeutendster englischsprachiger Reiseschriftsteller.

Die Auszeichnungen werden traditionsgemäß am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896), überreicht und soll an Menschen gehen, die sich für den friedlichen Fortschritt der Menschheit einsetzen. Der Preis ist mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (2,1 Millionen Mark, 1,1 Millionen Euro) dotiert. Die Nobelpreise werden seit 100 Jahren vergeben, jedoch mit Unterbrechungen vor allem in den Weltkriegen. Es ist also sozusagen ein Jubiläums-Preis… allerdings sollte nicht vergessen werden, dass Nobel sein Geld mit dem Dynamit machte… und gerade in diesen Tagen Dynamit wieder einmal Hochkonjunktur hat.

V.S.Naipaul (V.S. steht für die etwas komplizierten indischen Namen: Vldiadhar Surajprasad) wurde 1932 als Sohn indischer Einwanderer in sehr wohlsituierte familiäre Verhältnisse geboren. Sein Vater war Journalist und seine Mutter die Tochter eines Plantagenbesitzers. Von jeher wurde im Hause Naipauls auch die indische Kastengesellschaft wenigstens traditionell und kulturell gepflegt und V.S. wurde im Bewusstsein erzogen ein Brahmane zu sein. Nach der normalen Schulbildung nahm er 1950 sein Studium in Oxford auf und siedelte dann 1954 ganz nach London über. Sein Berufslaufbahn begann sozusagen auf den Spuren des Vaters: V.S. wurde Journalist für die BBC. 1957 erfolgte dann die Veröffentlichung seines ersten Romans „The Mystic Masseur“, der allerdings kein großer Erfolg wurde. V.S. unternahm umfangreiche Reisen rund um den Globus und entwickelte sich in seinem Schreiben zu einer Art Reiseliteraten. 1980 erlebte er seinen Durchbruch mit dem Roman „A Bend in the River“ (An der Biegung des großen Flusses). Er wurde seitlebens schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet… aber offen gesagt, den Nobelpreis für Literatur hatte ich nicht erwartet. V.S.Naipaul lebt seit 1970 in Wiltshire.

„An der Biegung des großen Flusses“ erschienen 1979 nach einer ausgedehnten Afrikareise, während der er auch das seit 1965 unabhängige Zaïre besuchte. Schon kurz nach dieser Reise veröffentlichte er einen Essay, in dem er sich unmittelbar mit der Situation in der ehemals belgischen Kolonie auseinandersetzte. Der Roman zeichnet sich gegenüber dem Essay dadurch auch aus, als er in einem größeren zeitlichen Abstand entstand. Dadurch gewinnt der Roman an Tiefe und den Charakter, welcher reflektierten Schilderungen eigen ist. Die Handlung spielt in einem nicht näher namentlich genannten zentralafrikanischen Staat, der aber nach dem Modell Zaïres gezeichnet ist. Kritiker unterstellen Naipaul heimlich oder auch weniger heimlich, dass er sich in wichtigen Passagen an J. Conrads Kongo-Reise (1890) und dessen Erzählung Heart of Darkness (1899) orientiert hat; was ich nur anfügen möchte und keineswegs so verstanden werden will, als ich ihm möglicherweise des Plagiatierens bezichtige.

„An der Biegung des großen Flusses“ ist zunächst die Geschichte eines gewissen Salim, die er im Roman auch selbst erzählt. Salim ist vor langer Zeit aus Indien eingewanderten und gehört daher zu den Minoritäten im Lande; wie es die indischen Einwanderer auch heute noch in vielen Ländern Afrikas sind. Schon früh hat der in einer wohlhabenden Familie, aber sehr traditionalistischen Gesellschaft aufwachsende Junge gelernt, dass man sich viel Ärger ersparen kann, wenn man die Haltung eines distanzierten Beobachters einnimmt. Ein weiterer Vorteil dieser Haltung ist auch, dass man im Unterschied zu den Anderen die Zeichen tiefgreifender Veränderungen seiner Umgebung sieht und sich darauf einstellen kann. Salim entschließt sich, aus der Familie und der Gemeinschaft auszubrechen, damit er nicht, wie er befürchtet, mit ihr untergeht. Er beteiligt sich an den Geschäften eines Freunds der Familie und geht an den Ort, der auch dem Roman seinen Namen gab… er übernimmt ein Geschäft „an der Biegung des großen Flusses“ in einem benachbarten Staat, das jener Freund der Familie nach der Unabhängigkeitserklärung dieses Landes und den darauf folgenden politischen Wirren aufgegeben hat.

Salim steht als kleiner Geschäftsmann und als Inder, zwischen Weißen (Großkaufleuten) und Schwarzen (Habenichtse), so wie es heute in vielen afrikanischen Staaten leider immer noch ist… Keiner Gruppe zugehörig, erzählt er wie ein Beobachter von diesen Ort und den Bemühungen der neuen Macht, etwas wie eine Ordnung und Kontinuität in der gesellschaftlichen Entwicklung aufzubauen. Drei weitere Figuren treten auf… und in ihnen spiegeln sich unterschiedliche gedankliche Positionen Salims: Ein Junge namens Ferdinand wird von seiner Mutter, sie ist Stammeszauberin und repräsentiert die erste Stufe des Kontaktes der AfrikanerInnen mit der „weißen Zivilisation“. Er wird zur Schule geschickt, um auf dem Wege der Alphabetisierung und der Bildungsaneignung aufzusteigen, was natürlich gelingt (er wird später in der Verwaltung des Staates arbeiten). Indar, ein Freund Salims aus der Heimat, studierte in London und kommt als Intellektueller, der seine traditionellen afrikanischen Ansichten verloren hat, zurück; bei Naipaul heißt das: der „gelernt hat, die Vergangenheit niederzutrampeln“. Dann ist da noch Raymond, der als Weißer die Wissenschaft darstellt und der im Roman das Polytechnikum leitet und in der Regierung als Berater fungiert, bis er später aber in Missgunst fällt. Mit den sexuellen Beziehungen Salims zu Yvonne, der jungen Frau Raymonds, will Naipaul wohl die noch immer wirkenden Bedingungen der Fremdherrschaft und die in deren Folge eingeleiteten, in Stile dieser Fremdherrschaft vorgetriebenen Modernisierungen auf der Ebene zwischenmenschlicher Beziehungen zeigen.

Naipaul beschreibt anhand der Handlungsstränge die in vielen afrikanischen Ländern sich nach der Erlangung der Selbstständigkeit abspielenden Prozesse von falsch verstandener Entwicklung, die doch nur den Versuch darstellt, die ehemaligen Kolonialherrn nachzuahmen und die eigenen tradierten Ansichten außer acht lässt. Die gesellschaftlichen Spannungen werden größer und erneut erkennt Salim, dass Gefahr droht und flieht für einige Zeit nach London, wo er sich jedoch verloren vorkommt. Er wartet einfach ab… und kehrt dann in eine Situation der politischen Unruhen zurück; wie sie ebenfalls viele afrikanische Staaten erlebten z.B. die Enteignung von Ausländern. Naipaul hat den Ort an der Biegung des Flusses als Treffpunkt verschiedener Völker konzipiert und verdeutlicht damit seine These vom innerafrikanischen Kolonialismus (zu dem auch der arabische Sklavenhandel gehörte). Und Salim ist schließlich Inder…

Salim wird so mit den, für Naipaul logischen Folgen, der Modernisierung konfrontiert: „Wir mussten unbedingt radikalisieren. Wir erwarteten zuviel vom Präsidenten. Niemand wollte Verantwortung übernehmen. Jetzt hat man dem Volk mit Gewalt die Verantwortung aufgezwungen.“ Daraus folgt jedoch allgemeiner moralischer Verfall, Orientierungslosigkeit, Gesetzlosigkeit, Zerbrechen persönlicher Beziehungen, Missachtung des Individuums. Salim kommt zwar durch die Hilfe des Kommissars Ferdinand aus dem Gefängnis frei, aber er verliert den Glauben daran, dass die AfrikanerInnen in der Lage seien, die Modernisierung ihres Landen zu vollbringen. Naipaul beschreibt eine, seiner Meinung nach unabdingbare, pessimistische Zukunftsperspektive, die allerdings stark erzählt ist und sozusagen den Pessimismus hinter ästhetischen Bildern verbirgt. Ich will gestehen, dass ich den Roman zeitweise aus den Händen legen wollte, da es mir erschien, als hätte sich Naipaul sozusagen überheblicherweise über die dummen Eingeborenen gestellt.

Das kennzeichnet in etwa auch das, was ich von Naipaul denke und warum ich der Meinung bin, dass es sicher bessere Kandidaten für den diesjährigen Nobelpreis gegeben hat… zumal V.S.Naipaul nicht den Leumund hat, den zu wahren sich lateinamerikanische Literaten immer auf die Fahne geschrieben haben: Solidarisch sein, für einander einstehen, mehr gegen die Macht als mit ihr sein, jedenfalls den Leser als Komplizen suchen. Die Bezeichnung „literarischer Weltumsegler“ sollte erweitert werden in „literarischer Einhand-Weltumsegler“… denn er scheut auch nicht davor zurück, wenn ihm danach ist, alte Freunde über die Klinge springen zu lassen; so geschehen mit dem Kollegen Paul Theroux, mit dem ihn immerhin eine 30jährige Freundschaft verband. Bei einem literarischen Festival im walisischen Hay-on-Wye Anfang Juni 1996 rastete Naipaul aus, als er den ebenfalls eingeladenen Theroux sah, und behandelte ihn, so Festival-Leiter Peter Florence, wie einen Idioten voller Verachtung! „Mehr als hundert Besucher“, so die Verlautbarung, „die eine geistreiche Konversation zwischen zwei bedeutenden und weitgereisten Schriftsteller erwartet hatten, verlangten nach dem unerquicklichen Schlagabtausch ihr Eintrittsgeld zurück.“ (Paul Theroux hat übrigens ein Buch über die Freundschaft zu Naipaul geschrieben „Sir Vidia’s Show“, in dem er diesen Nobelpreisträger einiges ins Stammbuch schreibt).

Wahrscheinlich ist es der Schwedischen Akademie wiedereinmal nicht gelungen, ihren hohen politischen Anspruch in die Tat umzusetzen… Da wollte man vielleicht, in anbetracht der aktuellen politischen Weltlage einen Vertreter aus dem südasiatischen Raum nicht direkt küren; aber schlussendlich nichts riskieren und sich eben auch nicht auf einen Salman Rushdi einlassen… der mit seinen Satanischen Versen… erinnert sich da noch jemand dran? Dann nimmt man eben den Ersatz-Inder, der so schön englisch assimiliert ist und so schön über kulturelle Entwicklung schreiben kann… natürlich ganz ohne allzu sehr zu stören. Verzeihung, dass ich diese Buchbesprechung so ausklingen lasse… aber das ist eben meine Meinung.

Wilfried John

An der Biegung des großen Flusses
V. S. Naipaul
362 Seiten – Taschenbuch
Verlag DTV von 1997
ISBN: 3-4231-2383-4
10,22 €