Wilson Harris „Palast der Pfauen“

Von Vergangenem, Gegenwärtigen und Zukünftigem

Pro: Eröffnung einer großartig poetischen Romanwelt

Contra: Bürstet den konventionellen Lesegewohnheiten gehörig gegen den Strich

Sklaven. Es gibt Worte, die – mehr als andere – für eine finstere Vergangenheit stehen und einem schon bei lediglich der Erwähnung des Wortes – vorausgesetzt man ist mit einem schlagenden Herz ausgestattet – einen kalten Schauer den Rücken hinunter laufen lassen. Besonders hier in Europa, und in neuerer Geschichte auch in Deutschland, haben wir eine leidvolle Erfahrung mit diesem Begriff; allerdings eher aus der Reue der Täter erzeugt, als aus dem Erleben als Opfer geschöpft. Doch die dunkle Vergangenheit ist nicht in den Grüften der Zeit verschollen; ganz im Gegenteil. Obwohl heute in allen Ländern der Erde die Sklaverei

verboten ist, gibt es sie z.B. in Mauretanien noch in ihrer ursprünglichsten Art.

Aber es gibt nicht nur das was wir aus Zeiten des geschäftsmäßigen Einfangens afrikanischer Menschen und ihrer Verschleppung nach Amerika kennen. Moderne Zeiten – moderne Methoden. So hat in einem aufsehenerregenden Buch der Soziologe und Aktivist der ältesten Menschenrechtsorganisation der Welt, „Anti-Slavery International“, Kevin Bales ermittelt, dass die – ach so moderne – neoliberale Wirtschaftsentwicklung mit ihrer Globalisierung, auch neue Formen von Sklaverei schafft. Sieht man sich die Definition des Wortes Sklaverei an, wird schnell klar was da gemeint ist: Der Begriff Sklaverei bedeutet eine vollständige Verfügungsgewalt über Menschen, die – aller an sich unveräußerlichen Menschenrechte beraubt – gewaltsam eingefangen, bis zu ihrem körperlichen Ende ausgebeutet werden und sogar wie eine beliebige Ware verkaufen können.

Kevin Bales sagt, dass derzeit (Tendenz steigend) etwa 27 Millionen Menschen in vollständiger Sklaverei leben und damit mehr als zur Zeit des transatlantischen Sklavenmarkts aus Afrika geraubt wurden. Ein sensibler Mensch könnte beim folgenden Satz auf den Gedanken kommen es spräche ein Zyniker – aber jemand ist noch lange kein Zyniker, wenn er ein zynisches System anprangert. Bales sagt, dass die heutige Sklaverei schlimmer sei als damals, da eines ihrer Merkmale darin bestünde, dass die Sklaven heutzutage zur Wegwerfware werden und entsorgt werden, sobald der Sklavenhalter sie nicht mehr ausbeuten kann. Früher mussten die Sklavenhalter in den amerikanischen Südstaaten bis zu 100.000 Dollar für einen Sklaven bezahlen. Der Sklaventreiber hatte somit ein starkes Motiv seine Sklaven so lange es irgend ging am Leben zu erhalten. Heute sind die Preise lächerlich gering. Schon für 20 Dollar kann ein Sklavenhalter einen Arbeiter versklaven. Es rechnet sich also wirklich nicht, ihn zu nähren oder zu pflegen, wenn er keinen Nutzen mehr bringt oder wenn er krank wird.

In den Regionen der sogenannten Entwicklungsländer, in denen es schon seit Jahrhunderten so etwas wie eine „Tradition der Sklaverei“ gibt, führt die (oft von der Weltbank als Gegenleistung für Kredite verordnete) neoliberale Politik, zur Auflösung gewachsener Strukturen. Staatliche Infrastruktur bis hin zu Gemeindeland gerät in die Hände eines immer hemmungsloseren Kapitals. Ganze Dorfbevölkerungen können nicht mehr für den eigenen Bedarf pflanzen und müssen stattdessen für den Export bestimmte profitable landwirtschaftliche Produkte erzeugen – meist über die Schuldknechtschaft werden sie Kandidaten für die Sklaverei. Mit dem Mittel der Korruption nehmen die Sklavenhalter Einfluss auf die staatliche Gewalt und lassen sich von ihr schützen. Bales betont, dass die heutigen Sklavenhalter „alle Vorteile des Eigentums genießen, ohne seine Verpflichtungen zu haben. Tatsächlich ist es für die Sklavenhalter ein Vorteil, dass sie keine legalen Eigentumsrechte haben, denn sie üben uneingeschränkte Kontrolle aus, ohne für ihren Besitz im Geringsten verantwortlich zu sein“.

Aber auch wir hier im zivilisierten Westen haben einen nicht geringen Anteil an diesen Zuständen. Zum einen sitzen hier transnational operierende Konzerne die Zweigunternehmen in den ärmsten Ländern gründen und ihre Produktion dahin verlagern. Subunternehmer in den Entwicklungsländern sorgten dann für Menschenmaterial, mit dem billigst produziert werden kann und um die Aktionäre mit hohen Dividenden zu erfreuen. Zum anderen kaufen wir als Kunden dieser Konzerne die billig produzierte Ware und machen so erst den Profit aus der Sklaverei möglich. Meine Antwort auf die Frage was wir tun können ist immer dieselbe: Kämpft für mehr eigenes Einkommen (damit man nicht mehr nur Billigware kaufen kann), boykottiert ihre Sklavenarbeit (damit es für sie unrentabel wird Menschen wie Vieh zu halten) und beschränkt die Macht der Konzerne und ihrer willfährigen politischen Helfer in den Regierungen.

Wie uns ein Blick auf die Normalität der Gegenwart das Grausen lehren kann, kann uns ein Blick auf eine grausige Vergangenheit Hoffnung machen… und nicht nur das. Dieser Blick kann uns lehren, wie wir es schon einmal schafften, die menschliche Zivilisation menschlicher zu machen. Nun gibt es ja sowohl unterschiedliche Methoden wie man diesen Blick gewinnen kann, wie es auch unterschiedliche Darstellungen der in den Blick genommenen Vergangenheit gibt. Ich will mich in dieser Besprechung nun um einen außergewöhnlichen Menschen und um ein außergewöhnliches Buch bemühen, das leider bislang das einzige Buch seines umfangreichen Werkes ist, das in deutscher Sprache vorliegt: „Palast der Pfauen“ von Wilson Harris (WH). Außerdem ist es auch schon lange her, dass der ambitionierte Schweizer Amman-Verlag ankündigte mit der Übersetzung wenigstens mit einem Teil des Werkes zu beginnen. Der Roman „Palast der Pfauen“ ist der erste Roman des sog. Guyana-Quartets… aber schon die Veröffentlichung der restlichen drei Bände scheiterte an zu geringer Nachfrage.

Folglich wird sich die deutsche Leserschaft fragen, wer eigentlich WH ist. Dabei handelt es sich bei WH um einen der wirklich großen Schriftsteller englischer Sprache, um einen, der seit langem auf den Insiderlisten für den Literaturnobelpreis geführt wird. WH wurde am 24. März 1921 in New Amsterdam, Guyana geboren. Er entstammt einer für Guyana typischen Mittelklasse-Familie, die ein vielfältiges ethnisches Wurzelwerk aufzuweisen hat. Seine europäische, afrikanische und indianische Herkunft ist für das ehemalige British Guayana nicht außergewöhnlich, sollte aber für sein literarisches Leben von größter Bedeutung sein. Sein Vater starb, als er zwei Jahre alt war und sein Stiefvater verschwand spurlos im Dschungel des Hinterlands Guyanas als er sechs war; auch das nahm Einfluss auf sein Leben… und das nicht nur – wie man sich denken kann – aus der Sicht des Kindes das ohne Vater aufwächst, sondern auch in Hinsicht auf seinen späteren Beruf und darüber hinaus auf sein Schreiben.

Seine Familie zog im selben Jahr in dem sein Stiefvater verschwand nach Georgetown um, wo WH seine Schulausbildung begann. Er soll ein sehr gelehriger Schüler gewesen sein, dem besonders das Lesen Spaß machte. Unterstützt von seiner Mutter begeisterten ihn die griechischen Sagen und hiervon besonders die Reisen des Odysseus. Er war offensichtlich ein in hohem Grade phantasiereiches Kind und es ist ein Glücksfall, dass ihm das gestattet wurde… in einer Zeit der traditionellen Strenge. Die Familie ermöglichte ihm den Besuch eines der besten Gymnasien der Stadt und später ein ausgezeichnetes Studium der Geodäsie. Das wurde nach dem Studium zunächst auch sein erster Beruf: Als staatlicher Landvermesser unternahm er viele Expeditionen in das landschaftlich vielfältige und bis heute kaum berührte Land. Seine Arbeit führte von der atlantischen Küste bis an die brasilianische Grenze. Es ist mir nicht bekann wann genau er mit dem Schreiben begonnen hat, aber da die Figur des Landvermessers und Erzählungen, die Erfahrungen aus seinem Berufsleben beinhalten, immer wieder in seinem Werk aufscheinen, wird er wohl schon in den frühen dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts sein Schreiben entdeckt haben.

Ein weiteres Indiz für diese Annahme ist die Tatsache, dass kurz nach seiner Übersiedlung (1958) nach London, schon 1960 sein erster Roman erschien – eben genau jener vollständig gelungener und außergewöhnlicher Roman um den es hier geht; für ein Erstlingswerk eigentlich viel zu gut. Nichts desto trotz brachte ihm das in der englischsprachigen Welt sofort große Anerkennung als Schriftsteller ein, zumal er in den folgenden Jahren 1961 bis 1963 drei weitere Romane nachlegte, die letztlich als das Guyana-Quartet bekannt wurden. Noch vor der Veröffentlichung des „Palast der Pfauen“ waren außerdem zwei Gedichtbände erschienen; ein weiteres Indiz dafür, dass er nicht ohne literarischen Vorlauf war. Seine ungewöhnliche Belesenheit und sein pädagogisches Talent bringen ihm, ständig Gastprofessuren für karibische Literatur  in unterschiedlichen Universitäten auf der ganzen Welt ein. Er lebt teils in England, den USA und Guyana.

Schon diese dürren biographischen Daten und sein in englischer Sprache verfasstes Werk  weisen ihn als einen Protagonisten der gesamten anglophonen Kultur aus – aber die Tatsache seiner Herkunft aus weißen, indianischen und schwarzen Wurzeln und seine Verbundenheit vor allem zur Geographie seines Heimatlandes, weisen ihn als karibischen Menschen aus. WH beschäftigte sich natürlich auch mit der Geschichte Guyanas, die sich in der nachkolumbianischen Zeitrechnung in diesem einzigen englischsprachigen Land Südamerikas nicht grundsätzlich von anderen ehemaligen Kolonien unterscheidet. Aber die Europäer – zuerst Spanier, dann Holländer, gefolgt von Franzosen und schließlich die Engländer – waren nur das letzte Glied in einer langen Kette. Sie wiederholten lediglich ein Muster, denn in vorkolumbianischer Zeit waren schon Kariben und nordamerikanische Ureinwohner ins, von friedlichen Bewohnern bevölkerte, Land eingefallen.

Natürlich waren die europäischen Eroberungen auf dem amerikanischen Kontinent etwas Einzigartiges… sie eröffneten einerseits schier endlos scheinende Entwicklungsmöglichkeiten (welche die damaligen Menschen wahrscheinlich gar nicht denken konnten) und im anderen Extrem wurde der wohl schlimmste Genozid in der Geschichte der Menschheit verübt. WH verarbeitet in seinem Werk immer wieder diese „Verleugnung der Menschlichkeit durch den Menschen“. Seiner Herkunft geschuldet, interessiert er sich besonders auch für die ethnische Geschichte der Gesellschaft aus der er stammt. Als die angestammte Bevölkerung vor den europäischen Eroberern ins Landesinnere geflohen war, schlug die Stunde des Sklavenhandels. Afrikaner, Inder, Chinesen, landlose Portugiesen und Orientalen wurden teils gewaltsam im eigentlichen Sinne ins Land gebracht, teils kamen sie durch Armut angetrieben „freiwillig“.

Das alles prägte sein Schreiben nachhaltig und macht es so einzigartig. WH ist ein Modernisierer der englischsprachigen Literatur. Zwar steht er gewiss in der Tradition anderer karibischer/lateinamerikanischer Autoren, doch die Verbundenheit mit der karibischen Geschichte und der Literatur hielt ihn nicht davon ab zu experimentieren und einen so speziellen Schreibstil zu entwickeln, der nicht vordergründig plump politisiert. WH ist vielleicht einzig mit einem speziellen Literaturnobelpreisträger namens Derek Walcott (hier bei Ciao mit „Das Königreich des Sternapfels“ vorgestellt) vergleichbar, der mit seinen Texten, ohne plakativ zu polemisieren, tief in die Gefühlswelt dringt. Ebenso wie Walcott benutzt WH die Technik der unscharfen Linien des Dramas. WH kombiniert Wörter und Konzepte in unerwarteter, fast jazziger Weise.

Durch diese Technik der Kombination, will WH klar machen, dass er nicht nur versucht, die Schwarz/Weis-Sicht in seinem Text aufzubrechen, sondern das Zugrundeliegende zu beschreiben. Er kennt keine Kategorien und erkennt nur die Wurzeln an, die alles – auch das in Opposition Zueinanderstehende – erst entstehen lassen. Mit dieser Technik und seiner Sprache überwindet er auch mühelos und souverän die gängigen Dimensionen von Raum und Zeit, löst sie aus den gewohnten Fixierungen und geht ebenso unorthodox mit tradierten Mythen um. Er verarbeitet den Mythos der afrikanischen Spinnenfrau, der in Legenden der Karibik erhalten blieb, ebenso, wie indianische und christliche Mythen. Seine Spannweite reicht von der menschlichen Psychologie bis hin zu den politischen Verhältnissen.

Die Handlung in „Palast der Pfauen“ ist schnell erzählt. Es geht um eine Gruppe Männer verschiedener ethnischer Herkunft, die einen unsichtbar bleibenden indianischen Stamm auf einem unbekannten Fluss durch den Dschungel verfolgt. Angeführt von einem brutalen Landbesitzer namens Donne, wollen sie Jagt auf billige Arbeitskräfte machen. Nach einer Reihe von Tragödien geht die Gruppe schließlich unter und der Tod ereilt alle Mitglieder der Expedition.

Doch diese Handlung auf 175 Seiten zu schreiben wäre natürlich äußerst dürftig… wenn, ja wenn es nicht WH gewesen wäre der da schrieb. WH geht es bei diesem Buch auch nicht so sehr um die Handlung, sondern um die Leserschaft; und er verlangt ihr viel ab. Wie bei einem langen Gedicht, versucht WH bei uns Stimmungen und Bilder zu erzeugen, die sowohl eine Vergangenheit darstellen, wie sie gleichwohl auch Bezüge zur Gegenwart erzeugen sollen. Er arbeite in diesen Text Metaphern für die Eroberung Amerikas und die Expeditionen auf der Suche nach EL Dorado ein, die auch für die heutigen, auf Rohstoffe versessenen, Spectatoren stehen. Aber sie stehen halt auch für einen trügerischen Idealismus, der zu allen Zeiten, solches Tun zu legitimieren suchte.

Doch eine Reise ins Innere eines „dunklen“ Landes hat spätestens seit Joseph Conrad eine doppelbödige Bedeutung. Die Reise führt nicht nur in eben jenes Land, sie führt auch in Innere des menschlichen Herzens. Der vom Wilden angezogene Weiße wird nicht Herr, sondern Opfer, wird zugleich von unkontrollierbarer Anziehung und tiefem Ekel am Primitiven erfasst. Die Hindernisse, welche die Gruppe auf dem Fluss überwinden müssen und ihre kontroversen Verhältnisse untereinander, machen die Verfolgung Indios auch zu einer Suche nach Erlösung, dargestellt am brutalen Protagonisten Donne, dem schließlich völlig bewusst wird, in welcher Hölle er sich befindet; innerlich und äußerlich.

Besonders schwer wird es der Leserschaft auch dadurch gemacht, dass WH offenbar keinerlei Romanzeit angeben will. So kommt einem namenlosen Traum-Erzähler die Aufgabe zu, uns ganze Kapitel des Buches zu erzählen. Dieser Erzähler träumt quasi die Hauptfigur Donne, die in einer erregenden Anfangsszene des Romans von seiner Geliebten Mariella (so heißt auch die Missionsstation, zu der es die Männer zieht) vom Pferd geschossen wurde. So hat dieser Träumer in eben jenem Donne ein tatkräftiges Außen und WH setzt von Anfang an die linear fassbare Realität außer Kraft. Auch die ihn begleitende Mannschaft starb schon einmal vor Jahren. Die eigentlich verschwundene, aber im Traum wiederbelebte, Mannschaft, wird im Roman sozusagen im Verschwinden der Indios mit diesen vereinigt. Die Grenzen von aufeinanderfolgende Invasionen und Immigrationen verschwimmen und als eine Alternative zum Unglück der Völker, wird ein Leben in Bewusstsein und Phantasie angeboten. WH bietet ein wirkliches Verschmelzen der Kulturen, als Gegenentwurf zum Multikulturalismus an, der ja lediglich ein Mosaik von unterschiedlichen koexistierenden, aber selten vermischenden Kulturen ist (siehe auch Edouard Glissant „Traktat über die Welt“ – hier bei Ciao vorgestellt).

Wie gesagt, der gesamte Roman ist durchsetzt von Symbolen und Metaphern, die sich an den Schlüsselbegriffen des Autors festmachen lassen. Die Begriffe Sehen, Hinsehen, Sichten, Erscheinungen bezeichnen nur ein Wortfeld, das bei WH Bedeutung erhält. Ähnliches gilt für Schlüsselbegriffe wie Gespenst, Schlinge, Leiter, Begierde, Reise oder Begriffe wie Leben oder Tod, Wachen, Schlafen und Träumen, inneres und äußeres Auge. Dinge verfestigen sich, versteinern, und werden durch Blicke oder Blickwechsel lebendig, bewegen sich, scheinbar Unbelebtes mischt sich mit Lebendigem. Der Fluss ist Traum oder auch Tod und Grab, er ist trügerische Ruhe und reale Unruhe, er ist der Weg in die Geschichte von El Dorado und somit – in die andere Richtung befahren – in die Zukunft. Das Boot auf dem die Gruppe reist ist sozusagen das Gedanken-Vehikel für diese Zeitreisen.

Was die ungeübten Leserinnen und Leser (oder diejenigen, die sich nicht auf den experimentellen Text einlassen wollen) wahrscheinlich frustriert, was aber den Zauber dieses Werkes in hohem Maße ausmacht, sind die unvermittelt wechselnden Zeit-, Perspektiv- und Sprecherwechsel. Vor allem diese Perspektivwechsel sind köstlich. In quasi surrealen Bildern, werden Betrachter und Gesehenes austauschbar und diese Spiegelung findet sich auch in einer andere Hauptperson, dem Indio Vigilance, dem WH die Fähigkeit zu Liebe und Erkenntnis zuschreibt und der somit zeigt, dass die Menschen gleichzeitig Matrizen und Patrize von- und zueinander sind und es keinen Sinn macht, das eine vom anderen zu trennen.

So verstanden ist der Roman auch so etwas wie eine Schöpfungsgeschichte; zumal WH – wie oben gesagt – indianische und christliche Mythen verarbeitet. Beispielhaft sei der Tod des Donne erwähnt, der in einem wilden Wasserfall stirbt und noch im Sterben eine betörend schön entworfene Vision der Heiligen Familie, in Anspielung auf die Kreuzigung Christi, erleben darf. Auch die Dauer der Irrfahrt von sieben Tagen ist ein Indiz dafür. Die im Roman beschrieben Tode der anderen Mitglieder der Gruppe, erinnert außerdem an Märtyrer oder – anders gelesen – zeugen sie von der Vergeblichkeit und dem letztendlichen Scheitern eines jeden kolonialen Eroberns. Die Verfolger werden zu Verfolgten und Rettung kommt nur aus ihrem Inneren oder anderen Menschen; in diesem Falle durch eben jene Indios, da sonst kein Mensch weit und breit ist.

Nachdem schon in einer früheren Szene ein Mitglied der Gruppe auf einer karibischen Knochenflöte spielt, und somit die Musik in das Gesamtbild einfügt, wird auch der Tanz der Pfauen erwähnt, dessen blaustrahlenden Pfauenaugen WH mit den funkelnden Gestirnen am Firmament gleichsetzt. Dann tritt der Traum-Erzähler wieder auf und spricht ein Schlusswort. Er träumt ins Universum hinein und erkennt in den Sternen die Seelen der toten Mannschaft, die von der Habgier befreit, eine fast göttliche Verwandlung erfuhr. Das dann doch fast versöhnliche Ende des eher von Katastrophen geprägten Romans, der von Brutalität, Zynismus und Tod erzählt und in lyrisch-dramatischem Ton einen unrühmlichen Teil der Menschheitsgeschichte beschreibt, ist also der erste Teil des Quartets. In den anderen drei Romanen, die ebenso auch als eigenständige Werke gelesen werden können wie „Palast der Pfauen“, fügt WH diesem Teil der Geschichtsbetrachtung weitere Teile hinzu und gibt uns sozusagen eine zusammengesetzte Abbildung von Guyana und seiner heterogenen Bevölkerung, ohne irgendeine ethnische Identität zu privilegieren. Er formuliert die Notwendigkeit der Verschmelzung der Kulturen, zum Nutzen aller Menschen.

Für mich ist die über das schiere Lesen des Romans hinausgehende Beschäftigung mit WH und seinem Werk eine tief empfundene Begegnung mit einem Menschen, der – trotz aller seiner Erfahrungen – unglaublich viel Menschlichkeit für uns bereit hält. Insofern ist es nicht damit getan, wenn ich hier lediglich von dem Vergnügen schreibe, das mir dieses Buch auch bereitet hat. Vielmehr empfand ich es als eine Bereicherung… für Hirn und Herz. Ich fühlte mich regelrecht mitgenommen auf einer Reise in eine weit zurück liegende, eigentlich fremde Vergangenheit und doch erkannte ich in der Sprache des Autors Begriffe meiner eigenen Vergangenheit wieder. In diesen Verknüpfungen, waren sie erst einmal hergestellt, erkannte ich eine wirkliche Verbundenheit mit jenen Mitmenschen, die einem im Allgemeinen fern bleiben. Ich empfand WH als einen Autor, der mir mit einer fast unheimlichen kreativen Energie ein unglaubliches Geschenk machte.

Natürlich überrascht es hier niemanden, wenn ich schreibe, dass ich mich auch politisch mit WH verbunden fühle und so will ich es natürlich auch nicht vergessen ein Dokument für unsere Meinungsähnlichkeit zu präsentieren. WH sagt und will damit Hoffnung machen: „Katastrophen sind wesentlicher Bestandteil eines wahren Wandels, der schwierigen Veränderungen von Machtverhältnissen und eingefleischter Habgier“. Grundsätzlich gebe ich ihm natürlich Recht, doch ich füge an, dass wir mit etwas mehr Vernunft, nicht erst einer Katastrophe bedürfen, bevor wir etwas ändern. Aber ich will nicht den Eindruck vermitteln, als handele es sich für mich bei diesem Buch um ein politisches Werk im engeren Sinne. Es ist für mich der Versuch des Autors, uns nicht allein zu lassen, mit einer fast hoffnungslos verfahrenen Situation. Seine oft gegensätzlichen Konstruktionen im Text haben für mich den Sinn, zu demonstrieren, dass es lebenswichtig ist menschlich zu bleiben. Insofern ist der Roman für mich ein der tiefen Mitmenschlichkeit gewidmetes Werk.

Ich muss wohl nicht mehr hervorheben, dass mich dieser wunderbare Text wirklich begeisterte. Wahrscheinlich ist es der Tatsache geschuldet, dass ich als Lyriker mit der Sprache ebenso wenig linear verfahre, wie es WH in diesem Werk getan hat und ich somit Übung darin habe mit solchen Texten umzugehen. Anfangs, zugegebenermaßen, hatte auch ich meine Probleme den Text zu durchdringen, aber mehr und mehr fühlte ich meinen Horizont sich erweitern und es wurde wahrlich zum Vergnügen diesen Roman zu lesen. Jeder anspruchsvolle Leser, jede anspruchsvolle Leserin wird ein ähnliches Vergnügen an diesem sensationellen karibischen Roman haben. Vielleicht hat es ja auch sein Gutes, dass dieser Autor nicht im Strudel des lateinamerikanischen Boom der späten Sechziger und frühen Siebziger des 20. Jahrhunderts gedruckt wurde, aber es wäre wirklich an der Zeit, dass nun endlich auch sein restliches Werk einem breiteren deutschen Publikum zugänglich gemacht wird.

Wilfried John

Palast der Pfauen

Wilson Harris

189 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Amman Verlag – Aus 1988

ISBN: 3-2501-0120-6

Antiquarisch ab ca. 8,-€

Die weiteren Titel des Guyana-Quartet, die in englischer Sprache antiquarisch leicht zu bekommen sind: „The Far Journey of Oudin“ (1961), „The Whole Armour“ (1962) und „The Secret Ladder“ (1963)

Erster Nachsatz: Viel zum Verständnis des Werkes trägt auch das Vorwort des Autors bei, in dem er seine Position zum lateinamerikanischen Roman im Allgemeinen, und seinem Schreiben im Besonderen, darlegt. Diese Besprechung wäre nicht komplett, erwähnte sie nicht auch das Nachwort der belgischen WH-Spezialistin Hena Maes-Jelinek, das vieles für das strukturelle Verständnis des Buches beiträgt. Es ist für Leserinnen und Leser, die sich mit solcherart Literatur (noch) nicht auskennen, empfehlenswert Vor- und Nachwort vor der eigentlichen Lektüre zu studieren.

Zweiter Nachsatz: Sachverständige WH-Kenner kritisieren die Übersetzungsleistung von Inge Uffelmann, die im Auftrag des Verlags den Text aus dem Englischen übertrug. Ich halte jedoch eventuelle Schwächen in der Übersetzung für „Normal-Leser“ für unerheblich… sie könnten höchstens für mit dem Werk von WH wirklich vertrauten Menschen störend wirken.

Dritter Nachsatz: Wer sich mit den Zuständen in Mauretanien näher beschäftigen möchte und vielleicht persönlich etwas tun will, kann sich weitere Informationen bei Amnesty International unter folgender Adresse besorgen:

http://www2.amnesty.de/internet/Gutachte.nsf/0/5915fc83bbb3873bc1256dcf0035b98f?OpenDocument

Vierter Nachsatz: Die in meinem Text angesprochene Organisation „Anti-Slavery International“ gilt als die älteste Menschenrechtsorganisation der Welt. Schon vor mehr als 200 Jahren entstanden in Großbritannien Gesellschaften gegen die Skalverei; 1839 wurde die Organisation formal als British and Foreign Anti-Slavery Society gegründet. Sie trug wesentlich zur Abschaffung der Sklaven im britischen Empire, in den USA und Brasilien bei. Seit 1975 beschäftigt sich Anti-Slavery International auch mit dem Thema Kinderarbeit. Kontakt: Tel. 0044 /20/750.189.20 oder http://www.antislavery.org/

Fünfter Nachsatz: Das von mir zitierte Buch über Sklaverei in der Gegenwart ist:

Die neue Sklaverei

Kevin Bales

360 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Kunstmann – Aus 2001

ISBN: 3-8889-7264-7