Robert A. Heinlein – „Farmer im All“

Robert A. Heinlein – Farmer im All

Taschenbuch: 317 Seiten

Verlag: Lübbe – Aus 2001

ISBN-10: 3404242866

ISBN-13: 978-3404242863

Expedition auf Ganymed

Mein Großvater las Science-Fiction, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Er las Zukunftsromane und neben den Romanen anderer Autoren, war er ausgesprochener Liebhaber (den Ausdruck Fan gab es für ihn auch nicht) von Robert A. Heinlein, den er in den 1950er Jahren kennengelernt hatte. Warum erwähne ich das? Nun, weil mein Großvater mich das Lesen lehrte… also nicht nur die Aneinanderreihung von Buchstaben, sondern das Erfassen von Texten. Und er war es auch, der mir meine ersten Bücher schenkte – unter anderem Zukunftsromane für Jugendliche von Robert A. Heinlein. Damit war die Neugierde auf diese Art Literatur geweckt und sie ist bis auf den heutigen Tag nicht kleiner geworden.

Grundsätzliche Informationen zum Buch: Der Roman ist der 4. von insgesamt 12 Romanen, die als die sog. „Heinlein Juveniles“, die Jugendromane, von Heinlein gelten und in den Jahren zwischen 1947 und 1958 erschienen. Sie sind zwar keine Serie im eigentlichen Sinne, mit durchgängiger Story und Protagonisten, aber die Romane erzählen sie eine zusammenhängende Geschichte der Eroberung des Weltraums. In diesen Zusammenhang ist auch einer der berühmtesten Heinlein-Romane, Starship Troopers zu stellen, der oft als 13. Geschichte der „Heinlein-Juveniles“ bezeichnet wird. Da dieser Roman aber 1959 in einem anderen Verlag erschien, wird er als eigenständig angesehen; wobei ich ihn, mit Verlaub, eher zur Reihe zugehörig sehe, weil ich das eben so von meinem Großvater präsentiert bekam.

Robert Anson Heinlein (1907-1988) gehörte ein halbes Jahrhundert zu den Großen seines Genres Science Fiction. Seine schriftstellerische Laufbahn begann noch vor dem 2. Weltkrieg, aber der Überlegenheits-Zeitgeist der USA – gespeist aus der Weltmachtstellung, als Siegermacht des sog. Großen Krieges (WK I) und später als Atommacht – und der sog. Kalte Krieg, machte sich auch in seinem Werk bemerkbar. Natürlich beruht auch Fantasie, zum Teil auf dem Erkenntnisstand der Zeit – man kann die Dinge nur weiterdenken. Deswegen darf man die frühen Werke Heinleins auch nicht mit den Maßstäben heutigen Erkenntnisstands messen. Der heutige Erkenntnisstand über unser Sonnensystem, den näheren und ferneren interstellaren Raum und die Physik des Universums ist schon bei heutigen Schülern höher, als er Anfang der 1950er Jahre bei Lehrern war.

Die erste deutsche Fassung von „Farmer in the Sky“ aus dem Jahre 1950, erschien schon 1951 unter dem Titel „Pioniere im Weltall“ und ab 1970 unter dem Titel „Farmer im All“. Die Szenerie scheint uns bekannt: Die Erde, unser Planet, ist überbevölkert, die Ressourcen reichen nicht für alle und die Lebensmittel sind rationiert. Man sucht nach einem Notausgang: Die Besiedlung anderer Planeten und Monde. In dieser Lage befindet sich der Protagonist dieses Romans, William „Bill“ Lerner. Nachdem Bills Vater George – nach dem Tod von Bills Mutter – Molly Kenyon geheiratet hat, will George mit Molly, Bill und Mollys Tochter Peggy endlich diesem Chaos entkommen und auf den Jupitermond Ganymed auswandern, der mit einem Terraforming-Programm bewohnbar gemacht worden ist. Sie erhalten endlich die ersehnte Genehmigung.

Die Reise zum Ganymed ist lange und so müssen die Kinder auf dem Raumschiff zur Schule und man versucht sie, gegen die Langeweile, mit Pfadfinderspielen zu beschäftigen. Als sie auf Ganymede ankommen, erwartet die Neuankömmlinge eine unangenehme Überraschung: Die Gruppe ist viel größer, als die Kolonie leicht aufnehmen kann und die Farmen, die ihnen versprochen wurden, existieren noch nicht. Die Urbarmachung von Ganymed ist eine Aufgabe, die unglaubliche Kräfte, unbedingte Zielstrebigkeit und unerschütterliche Zuversicht erfordert, die sich durch nichts erschüttern lässt.

Tatsächlich muss der Boden von Grund auf neu geschaffen werden, indem Felsbrocken und Lavaströme pulverisiert und der entstehende Staub mit sorgfältig formuliertem organischem Material gesät wird. Während einige über die Ungerechtigkeit des Ganzen jammern, nimmt Bill eine Einladung an, bei einem wohlhabenden Bauern und seiner Familie zu leben, um zu erfahren, was er wissen muss, während sein Vater sich als Ingenieur in der Stadt anmeldet.

Naturkatastrophen und Unfälle machen das Leben nicht leichte und während eines schweren Mondbebens verlieren viele Siedler das Leben – auch Peggy ist darunter. Die Familie erwägt das Projekt aufzugeben, doch dann setzt sich ihr trotziger Pioniergeist durch und sie machen weiter. Die Kolonie erholt sich allmählich und eine Expedition wird organisiert, um die Oberfläche von Ganymed zu vermessen. Bill ist dabei und er entdeckt Artefakte einer außerirdischen Zivilisation, darunter ein funktionierendes Landfahrzeug…

Natürlich habe ich als Jugendlicher noch nicht über das Hintergrundwissen besessen, das mir heute zur Verfügung steht. Natürlich hatte ich noch nicht die politischen Prägungen, welche mich heute ausmachen. Und auch die Kritikfähigkeit, die sich bekanntlich aus den Prägungen und dem Wissen speist, war dem entsprechend noch nicht entwickelt. Deswegen habe ich den Roman voller Begeisterung verschlungen! Sicher kann ich die häufig geäußerte Kritik verstehen, dass man aus didaktischen, weltanschaulichen und politischen Gründen ein großes Fragezeichen hinter die Romane der sog. „Heinlein Juveniles“ machen muss. Aber ich kann nicht verstehen, warum man der aufgeklärten „Heutigen Jugend“ diese Romane vorenthalten sollte.

Ich traue kritischen Jugendlichen zu, dass sie Unterhaltung von Indoktrination unterscheiden können… und wenn nicht, ist es sicher nicht völlig verkehrt, wenn sie ein einfaches Weltbild vorgeführt bekommen, als wenn sie völlig belanglosen Schund läsen. Wenn es mir hin und wieder gelingt, all den Kopfballast abzuwerfen, dann kann ich Robert A. Heinleins Jugendromane auch heute noch (nur so zum Spaß) lesen; in Gedenken an meine Kindheit und Jugend in den 1960ern… und aus mir ist kein bornierter Kalter Krieger geworden.