Stanislaw Lem – „Der Mensch vom Mars“

Stanislaw Lem – Der Mensch vom Mars

Taschenbuch: 160 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag – Aus Oktober 1992

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 351838645X

ISBN-13: 978-3518386453

Kleines Häppchen Clarke

Mein Großvater las Science-Fiction, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Er las Zukunftsromane und neben den Romanen anderer Autoren, war er ausgesprochener Liebhaber (den Ausdruck Fan gab es für ihn auch nicht) von Stanislaw Lem, den er in den 1950er Jahren kennengelernt hatte. Warum erwähne ich das? Nun, weil mein Großvater mich das Lesen lehrte… also nicht nur die Aneinanderreihung von Buchstaben, sondern das Erfassen von Texten. Und er war es auch, der mir meine ersten Bücher schenkte – unter anderem Zukunftsromane von Stanislaw Lem. Damit war die Neugierde auf diese Art Literatur geweckt und sie ist bis auf den heutigen Tag nicht kleiner geworden.

Stanislaw Lem (1921 – 2006) war ein polnischer Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor, der ab Mitte der 1940er Jahre Belletristik schrieb. Er war Autor zahlreicher Zukunftsromane und Erzählungen und gehörte somit zu den prägenden Schriftstellern des Genres Science-Fiction. Er muss als einer der Pioniere dieser Literatur gelten. Der Pole gehört in eine Reihe mit Hans Dominik aus Deutschland, Robert. A. Heinlein aus den USA, Arthur C. Clarke aus Großbritannien oder dem aus Russland stammenden Isaac Asimov. Lem zählte zu den wissenschaftlich-technischen Visionären des Genres und sein belletristisches Werk wird heute zum Sub-Genre der Hard Science-Fiction gezählt. Seinen Durchbruch in Deutschland hatte er in den 1950er Jahren und in dieser Zeit schrieb er auch die Mehrzahl seiner bahnbrechenden, ja fast schon revolutionären Romane.

Natürlich muss Fantasie angeregt werden. Die geschah bei Lem wohl durch die Werke von Philip K. Dick. Außer für ihn, hatte Lem nie eine hohe Meinung von amerikanischer Science-Fiction, die er als schlecht durchdacht, schlecht geschrieben und mehr daran interessiert, Geld zu verdienen, als an Ideen oder neuen literarischen Formen. Aber wie vieles von Lem, war diese Aussage sicher auch als überspitzt anzusehen und hat wohl auch etwas mit gewissen Vorkommnissen der Organisation Science-Fiction Writers of America (SFWA) zu tun, die ihm (wohl wegen obiger Äußerung) die Ehrenmitgliedschaft aberkannte.

Lem ist einer der meistgelobten Science-Fiction-Autoren, der von Kritikern als gleichberechtigt mit klassischen Autoren wie H. G. Wells und Olaf Stapledon gefeiert wird. 1976 schrieb Theodore Sturgeon, dass Lem der meistgelesene Science-Fiction-Autor der Welt sei. Fantasie beruht zum Teil auf dem Erkenntnisstand der Zeit – man kann die Dinge nur weiterdenken. Deswegen darf man die frühen Werke Lems auch nicht mit den Maßstäben heutigen Erkenntnisstands messen; obwohl der heutige Erkenntnisstand in technischer Hinsicht von Lem vorweggenommen wurde (er dachte sich z.B. das Internet aus). Natürlich war das Wissen z.B. über unser Sonnensystem, den näheren und ferneren interstellaren Raum und die Physik des Universums bei damaligen Lehrern niedriger, als es bei heutigen Schülern ist.

Zu diesem Titel:

Schlussbemerkung: Natürlich habe ich als Jugendlicher noch nicht das Hintergrundwissen besessen, das mir heute zur Verfügung steht. Natürlich hatte ich noch nicht die politischen Prägungen, welche mich heute ausmachen. Und auch die Kritikfähigkeit, die sich bekanntlich aus den Prägungen und dem Wissen speist, war dem entsprechend noch nicht entwickelt. Völlig unkritisch gegenüber der Atomtechnik, kein Gedanke an Umweltprobleme oder Erhalt von natürlichen Biosphären und begeistert von Raketentechnologie, habe ich als Jugendlicher völlig begeistert die Romane und Erzählungen Clarks und anderer gelesen. Ich traue heutigen kritischen Jugendlichen zu, dass sie Unterhaltung losgelöst von Technologiekritik genießen können… natürlich haben solche technologischen Entwicklungen auch ihre Schattenseiten hervorgebracht.

Heute sind die Romane Clarks eigentlich ein schieres Lesevergnügen. Ich brauche all die waffenstarrenden Raumschlachten mit Aliens oder aggressiven Eroberungs-Expeditionen nicht lesen; bestenfalls als Randerscheinung innerhalb eines intelligenten Plots. Diesen Anspruch erfüllt Clarke in diesen Erzählungen einwandfrei. Dieser Roman ist allerdings die berühmte Ausnahme von der Regel und das Lesevergnügen will sich – aus den genannten Gründen – nicht einstellen.

Schlussbemerkung: Natürlich habe ich als Jugendlicher noch nicht über das Hintergrundwissen besessen, das mir heute zur Verfügung steht. Natürlich hatte ich noch nicht die politischen Prägungen, welche mich heute ausmachen. Und auch die Kritikfähigkeit, die sich bekanntlich aus den Prägungen und dem Wissen speist, war dem entsprechend noch nicht entwickelt. Völlig unkritisch gegenüber der Atomtechnik, kein Gedanke an Umweltprobleme oder Erhalt von natürlichen Biosphären und begeistert von Raketentechnologie, habe ich als Jugendlicher völlig begeistert den Roman gelesen. Ich traue heutigen kritischen Jugendlichen zu, dass sie Unterhaltung losgelöst von Technologiekritik genießen können… natürlich haben solche technologischen Entwicklungen auch ihre Schattenseiten hervorgebracht.

Der Roman ist auch ein Gedankenexperiment und greift die Vorstellung eines Endes des (damals noch herrschenden) Kalten Krieges auf. Clarke erklärt, dass der Krieg eben NICHT der Vater aller Dinge ist, sondern der Zerstörer. Die Aufgabe der krebsartig wuchernden Rüstungsindustrie macht immense Mittel frei, die für die Entwicklung der Menschheit eingesetzt werden können. Eine ungeheure Zahl von großartigen Fachkräften können an der Zukunft der Erde arbeiten, anstatt an Möglichkeiten ihrer Zerstörung zu forschen und das Potential der freiwerdenden kostbarsten Rohstoffe, ermöglicht einen unfassbaren wirtschaftlichen Aufschwung, an dem alle Menschen partizipieren. Nur Kooperation hat die Menschheit je vorwärtsgebracht.

Auch die Kulturkritik am Bild der gefährlichen Außerirdischen, identifiziert heute die reißerische Darstellung der Aliens als verkaufsfördernde Darstellung der Filmindustrie. Dabei wissen wir aus der Erfahrung, dass für das Projekt einer interstellaren Raumfahrt sämtliche planetaren Ressourcen nötig wären und das nur bei einer befriedeten, vernunftbegabten planetaren Bevölkerung erreichbar wäre. Diese Vernunft und Friedfertigkeit, müsste auf den langen reisen auch an Bord von Raumschiffen herrschen; ein Überfall auf andere Zivilisationen ist ausgeschlossen.

Für mich sind die späteren Romane Clarks ein schieres Lesevergnügen. Ich brauche all die waffenstarrenden Raumschlachten mit Aliens oder aggressiven Eroberungs-Expeditionen nicht lesen; bestenfalls als Randerscheinung innerhalb eines intelligenten Plots. Diesen Anspruch erfüllt Clarke in diesem Roman einwandfrei (allerdings ärgert mich der deutsche Titel, denn von einer Kontaktaufnahme zu den Erbauern der Monolithe oder anderen Intelligenzen – was der Titel nahelegt – ist im Roman keine Rede) Das Gute: Er entwickelt aber Perspektiven, die weitergedacht werden können; weitergedacht in eine Zukunft der Menschheit. In Gedenken an meine Kindheit und Jugend in den 1960ern… und an meinen lieben Großvater, der quasi an dieser Besprechung schuld ist.