Stanislaw Lem – „Der Planet des Todes“

Stanislaw Lem – Der Planet des Todes

Taschenbuch

Verlag: Volk & Welt – Aus 1990

ISBN-10: 3353007350

ISBN-13: 978-3353007353

Der Krieg ist nicht Vater aller Dinge

Mein Großvater las Science-Fiction, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Er las Zukunftsromane und neben den Romanen anderer Autoren, war er ausgesprochener Liebhaber (den Ausdruck Fan gab es für ihn auch nicht) von Stanislaw Lem, den er in den 1950er Jahren kennengelernt hatte. Warum erwähne ich das? Nun, weil mein Großvater mich das Lesen lehrte… also nicht nur die Aneinanderreihung von Buchstaben, sondern das Erfassen von Texten. Und er war es auch, der mir meine ersten Bücher schenkte – unter anderem Zukunftsromane von Stanislaw Lem. Damit war die Neugierde auf diese Art Literatur geweckt und sie ist bis auf den heutigen Tag nicht kleiner geworden.

Stanislaw Lem (1921 – 2006) war ein polnischer Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor, der ab Mitte der 1940er Jahre Belletristik schrieb. Er war Autor zahlreicher Zukunftsromane und Erzählungen und gehörte somit zu den prägenden Schriftstellern des Genres Science-Fiction. Er muss als einer der Pioniere dieser Literatur gelten. Der Pole gehört in eine Reihe mit Hans Dominik aus Deutschland, Robert. A. Heinlein aus den USA, Arthur C. Clarke aus Großbritannien oder dem aus Russland stammenden Isaac Asimov. Lem zählte zu den wissenschaftlich-technischen Visionären des Genres und sein belletristisches Werk wird heute zum Sub-Genre der Hard Science-Fiction gezählt. Seinen Durchbruch in Deutschland hatte er in den 1950er Jahren und in dieser Zeit schrieb er auch die Mehrzahl seiner bahnbrechenden, ja fast schon revolutionären Romane.

Natürlich muss Fantasie angeregt werden. Die geschah bei Lem wohl durch die Werke von Philip K. Dick. Außer für ihn, hatte Lem nie eine hohe Meinung von amerikanischer Science-Fiction, die er als schlecht durchdacht, schlecht geschrieben und mehr daran interessiert, Geld zu verdienen, als an Ideen oder neuen literarischen Formen. Aber wie vieles von Lem, war diese Aussage sicher auch als überspitzt anzusehen und hat wohl auch etwas mit gewissen Vorkommnissen der Organisation Science-Fiction Writers of America (SFWA) zu tun, die ihm (wohl wegen obiger Äußerung) die Ehrenmitgliedschaft aberkannte.

Lem ist einer der meistgelobten Science-Fiction-Autoren, der von Kritikern als gleichberechtigt mit klassischen Autoren wie H. G. Wells und Olaf Stapledon gefeiert wird. 1976 schrieb Theodore Sturgeon, dass Lem der meistgelesene Science-Fiction-Autor der Welt sei. Fantasie beruht zum Teil auf dem Erkenntnisstand der Zeit – man kann die Dinge nur weiterdenken. Deswegen darf man die frühen Werke Lems auch nicht mit den Maßstäben heutigen Erkenntnisstands messen; obwohl der heutige Erkenntnisstand in technischer Hinsicht von Lem vorweggenommen wurde (er dachte sich z.B. das Internet aus). Natürlich war das Wissen z.B. über unser Sonnensystem, den näheren und ferneren interstellaren Raum und die Physik des Universums bei damaligen Lehrern niedriger, als es bei heutigen Schülern ist.

Zu diesem Titel: Der Roman erschien im Original 1951 unter dem polnischen Titel „Astronauci“ und wurde schon 1954 in Deutschland unter dem Titel „Der Planet des Todes“ veröffentlicht. Gewiss wird der Roman wegen seiner stilistischen Mängel kritisiert, aber man kann den Roman nur im Zusammenhang mit der Zeit und den Umständen seines Entstehens lesen. Um es unter dem kommunistischen Regime in Polen an der Zensur vorbei zu schaffen und veröffentlichen zu können, musste Lem häufig Verweise auf die Ideale des Kommunismus einfügen. Jahrzehnte später erklärte Lem selbst über den Roman: Alles ist so glatt und ausgewogen; unter den Helden haben wir einen positiven russischen Charakter und einen süßen Chinesen; Naivität ist auf allen Seiten dieses Buches präsent. Die Hoffnung, dass im Jahr 2000 die Welt wunderbar wäre, ist in der Tat sehr kindisch.

Wenden wir uns also lieber der Handlung zu: In einem Prolog erwähnt Lem den Fall des sog. Tunguska-Meteoriten von 1908 und die anschließende Expedition von Leonid Kulik in das Gebiet. Es wird darüber spekuliert, dass es sich nicht um einen explodierten Kometen, sondern um den Absturz eines Raumschiffs gehandelt hat. Dann erfolgt im Roman einen Zeitsprung in das Jahr 2003. Der Kommunismus hat sich weltweite als politisches System durchgesetzt. Die Menschheit, befreit von Unterdrückung, Ausbeutung und Chaos, erzeugt einen gigantischen Aufschwung durch riesige Engineering-Projekten wie Bewässerung der Sahara, Bau einer hydro-energetischen Anlage über der Straße von Gibraltar, und die Fähigkeit, das Klima zu kontrollieren engagiert. Das neueste Projekt besteht darin, die Antarktis und die Arktis durch künstliche, nuklear angetriebene „Sonnen“, die darüber kreisen, aufzutauen.

Bei der Vorbereitung von Erdarbeiten im Gebiet von Tunguska wird ein seltsames Objekt gefunden und später als außerirdischer Datensatz identifiziert. Der Datensatz enthält Details über die Reise eines Raumschiffs von der Venus (das in Tunguska abgestürzt ist) und der Datensatz endet mit einer ominösen Botschaft: „Nach zwei Drehungen wird die Erde ausgestrahlt. Wenn die Strahlungsintensität auf die Hälfte sinkt, beginnt die Große Bewegung.“ Erschrocken beschließt die Regierung der Erde (bestehend aus Wissenschaftlern), ein neu gebautes Raumschiff, den Kosmokrator (ausgestattet mit einem Vakuumröhren-Computer namens Marax) zur Venus zu schicken.

Nach ein paar Wochen kommt die internationale Crew des Kosmokrators auf der Venus an, findet aber keine Spuren von Leben, nur seltsame, halb zerstörte technologische Strukturen wie der „White Globe“, ein riesiges Antigravitationsgerät. Es stellt sich heraus, dass Venus von einer kriegerischen Zivilisation bewohnt wurde, die plante, die Erde zu besetzen. Doch bevor es ihnen gelang, Leben auf der Erde zu zerstören, kamen sie selbst in einem nuklearen Bürgerkrieg um, der nur noch Ruinen von Städten und verstreute elektronische Aufzeichnungen hinterließ.

Schlussbemerkung: Natürlich habe ich als Jugendlicher noch nicht das Hintergrundwissen besessen, das mir heute zur Verfügung steht. Natürlich hatte ich noch nicht die politischen Prägungen, welche mich heute ausmachen. Und auch die Kritikfähigkeit, die sich bekanntlich aus den Prägungen und dem Wissen speist, war dem entsprechend noch nicht entwickelt. Völlig unkritisch gegenüber der Atomtechnik, kein Gedanke an Umweltprobleme oder Erhalt von natürlichen Biosphären und begeistert von Raketentechnologie, habe ich als Jugendlicher völlig begeistert die Romane und Erzählungen Clarks und anderer gelesen. Ich traue heutigen kritischen Jugendlichen zu, dass sie Unterhaltung losgelöst von Technologiekritik genießen können… natürlich haben solche technologischen Entwicklungen auch ihre Schattenseiten hervorgebracht.

Der Roman ist auch ein Gedankenexperiment und greift die Vorstellung eines Endes des (damals noch herrschenden) Kalten Krieges auf. Lem erklärt, dass der Krieg eben NICHT der Vater aller Dinge ist, sondern der Zerstörer. Die Aufgabe der krebsartig wuchernden Rüstungsindustrie macht immense Mittel frei, die für die Entwicklung der Menschheit eingesetzt werden können. Eine ungeheure Zahl von großartigen Fachkräften können an der Zukunft der Erde arbeiten, anstatt an Möglichkeiten ihrer Zerstörung zu forschen und das Potential der freiwerdenden kostbarsten Rohstoffe, ermöglicht einen unfassbaren wirtschaftlichen Aufschwung, an dem alle Menschen partizipieren. Nur Kooperation hat die Menschheit je vorwärtsgebracht.

Für mich sind die Romane Lems ein schieres Lesevergnügen. Ich brauche all die waffenstarrenden Raumschlachten mit Aliens oder aggressiven Eroberungs-Expeditionen nicht lesen; bestenfalls als Randerscheinung innerhalb eines intelligenten Plots. Diesen Anspruch erfüllt Lem in diesem Roman einwandfrei (allerdings ärgert mich der deutsche Titel ein wenig). Das Gute: Lem entwickelt Perspektiven, die weitergedacht werden können; weitergedacht in eine Zukunft der Menschheit. In Gedenken an meine Kindheit und Jugend in den 1960ern… und an meinen lieben Großvater, der quasi an dieser Besprechung schuld ist.