Thomas Piketty – Kapital und Ideologie

Ein Bild, das Text enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Thomas Piketty – Kapital und Ideologie

Gebundenes Buch – 1312 Seiten

Verlag: C.H.Beck; 1. Edition aus März 2020

ISBN-10: ‎ 3-4067-4571-7

ISBN-13: ‎ 978-3406745713

39,95 €uro

„Wachstum um des Wachstums willen ist die Ideologie der Krebszelle.“

Edward Abbey – Naturforscher, Philosoph und Schriftsteller 1927 – 1989

Weiter, immer weiter

Über die Expertise eines Thomas Piketty muss ich mich an dieser Stelle nicht mehr als nötig äußern. Der Ökonomieprofessor an der Pariser Elitehochschule École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS), ist in den letzten Jahren schon fast ein Popstar geworden, dessen Veröffentlichungen die Bestsellerlisten anführten. Besonders sein monumentales Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (800 Seiten) wurde im Jahre 2013 zu einem Weltbestseller, obwohl – behaupte ich – kaum jemand dieses Buch wirklich gelesen hat. Trotzdem könnte es eines der wichtigsten Bücher unserer Zeit sein; besonders für jene, die „es schon immer gewusst“ haben, dass der Kapitalismus „an allem schuld ist“.

Wem schon sein „Kapital…“ zu voluminös war, wird nun erschrecken: Piketty legt mit einem gewaltigen Werk nach. Das Werk „Kapital und Ideologie“ ist mit mehr als 1300 Seiten noch umfangreicher. Es setzt sozusagen den Titel „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ fort und fügt so eine noch niemals geschriebene Globalgeschichte der sozialen Ungleichheit und ihrer Ursachen, eine unnachsichtige Kritik der zeitgenössischen Politik und zugleich der kühne Entwurf eines neuen und gerechteren ökonomischen Systems hinzu. Allerdings werden die klassischen Kapitalismusgegner dem Autor erneut vorwerfen, dass er es eigentlich unterlassen habe, den systemischen Mechanismen der modernen Marktwirtschaft auf den Grund zu gehen.

Letztlich sind die Ziele Pikettys weniger utopisch, als es die „Überwindung des Kapitalismus“ sein muss. Man könnte es umschreiben mit: „Die Überwindung der Ungleichheit“. Wie er schon hinreichend darstellte, dass die meisten zivilisatorischen Probleme der Jetztzeit auf das krasse Vermögensungleichgewicht in der kapitalistischen Wirtschaft zurückzuführen sind, zieht er konsequenterweise den Schluss, dass dies zu korrigieren sei; allerdings ohne die kapitalistische Markt- und Profitlogik aufzuheben. Es geht in erster Linie um soziale Übermacht, Privilegien und unerreichbare Exklusivität des wie auch immer zusammengesetzten Reichtums, nicht um Ausbeutung im Unternehmen.

Das dockt prima an die populäre Gerechtigkeitsdebatte an und verspricht eine spannende Debatte. Der zentrale Gedanke dieses Buches ist, dass der Kapitalismus ist kein Naturgesetz ist. Märkte, Profite und Kapital sind von Menschen gemacht und wie sie funktionieren, hängt von unseren Entscheidungen ab. Dabei meint er nicht die Entscheidungen der demokratischen Politik, sondern von uns allen, allen Demokraten. Wir haben es in der Hand, dem „Primat der Politik“ wieder Geltung zu verschaffen.

Natürlich ist dieses Werk nicht einfach eine Fortsetzung seines Werkes „Das Kapital…“, sondern Piketty fasst hier das Thema weiter und erweitert es um einen historischen Blick in die ideologischen Umfelder; z.B. dem transatlantischen Sklavenhandel, am Beginn der Zeitepoche der Neuzeit. Im Prinzip unterscheidet er vier Sozialordnungen, die – halb schematisch, halb realitätsnah betrachtet – aufeinander folgten. Zunächst die „trifunktionale“ Gesellschaft, wie er die Gliederung von Geistlichen, Adel und dritten Stand nennt. Dann die „Eigentümergesellschaft“, deren Hochzeit er in Europa zwischen französischer Revolution und 1914 markiert. Schließlich die „sozialdemokratische“ Gesellschaft vom Ersten Weltkrieg bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Und seither die erneuerte Eigentümer- oder „neo-proprietistische“ Gesellschaft, deren Hegemonie und Krise wir, sagt Piketty, heute erleben.

Piketty spricht, wenn er das heutige Wirtschaftssystem anspricht von „Hyperkapitalismus“, dabei geht es ihm um die grotesk unmenschlichen, zutiefst inhumanen Entwicklungen, wie sie extreme Ungleichheiten der Vermögensverteilung weltweit hervorbringen. Piketty kommt bei seinen Analysen zu dem Ergebnis: „Die Rückkehr einer sehr starken Eigentumskonzentration und dazu die hohe Intransparenz in Finanzangelegenheiten sind wesentliche Merkmale der neoproprietaristischen inegalitären Weltordnung zu Beginn des 21. Jahrhunderts“. Die Diskrepanz wird deutlich: Während auf der einen Seite die ärmsten Staaten immer mehr verelenden und unregierbar werden, entstehen in den kapitalistischen Ländern meritokratische Ideologien, die gemeinwirtschaftliche, Mitbestimmungs- und demokratische Rechtssysteme aushebeln.

Bei dieser eher pessimistischen, historischen Analyse ist es notwendig, einen hoffnungsvollen, aktiven Blick auf das lokale und globale Konfliktfeld von Kapital und Leben zu richten. An zahlreichen Beispielen und Belegen hat Piketty aufgezeigt, dass die Probleme und Wirklichkeiten im Verhältnis von Reichtum und Armut, von Besitzenden und Habenichtsen, von Mächtigen und Machtlosen nicht ethnisch und national, sondern nur ethisch und global betrachtet werden können. Piketty schreibt eine „Geschichte des Kampfs der Ideologien und der Suche nach Gerechtigkeit“. Er greift dabei zurück auf historische Entwicklungen, verdeutlicht Wege und Irrwege und bietet Brücken an, wie diese grundlegende Menschheitsnorm zu erreichen ist.

Leider muss diese Rezension unvollständig bleiben. Wollte ich alles an Fülle des Material, der Analysen und schlussfolgernden Gedanken, die in diesem Buch verarbeitet wurde, besprechen, würde die Rezension unlesbar werden. Ich verdanke diesem Werk sehr wertvolle Erkenntnisse, die meinen Pessimismus zwar nicht beseitigt, aber doch besänftigt haben. Wir müssen halt immer weiter arbeiten… Das Buch gehört in jede öffentliche, Schul- und Hochschul-Bibliothek… und ist Pflichtlektüre für alle, die sich mit Ökonomie beschäftigen!

Wilfried John